Familie aus Ariha, Syrien

Mohammed (55), Thanaa (50), Alaa (32), Walaa (29), Andul Hamid (23), Raghda (22)

Ariha liegt in der Nähe von Idlib im Norden von Syrien, einer ländlichen Gegend unter der Kontrolle des IS.

Die Familie
Der Vater Mohammed T. (55), die Mutter Thanaa (50), die Söhne Alaa (32), Walaa (29), Andul Hamid (23) sowie die jüngere Schwester Raghda (22). Alle haben eine Aufenthaltsberechtigung, zunächst für drei Jahre.

Das Gespräch findet in einer Mischung von Englisch und Deutsch statt, weil der Vater ausschließlich arabisch spricht und die beiden Söhne gut bzw. ausgezeichnet Englisch sprechen. Die Tochter Raghda spricht am besten von allen Deutsch, aber noch nicht so gut, dass wir nicht manchmal den Umweg über die englische Unterstützung des Bruders Walaa bräuchten. Sie bitten darum, keine Bilder zu machen und auch nicht den vollen Namen zu nennen. Warum, haben sie Angst? Nein, nicht sie selbst, aber Assad hätte überall Spione, auch in Deutschland, und sie befürchten, dass ihre Tante, von der auch später noch zu sprechen sein wird, Repressalien des Assad-Regimse ausgesetzt werden könnte.

Vor dem Krieg
Familienvater Mohammed war in Syrien bei der Polizei angestellt. Die Familie ist aufgrund zahlreicher Versetzungen quer durch das Land immer wieder umgezogen.  Nach 32 Jahren im Dienst – das ist die Regel in Syrien – ist er 2009 pensioniert worden.  Seine Pension betrug etwa 4.000 Dollar. Das sei nicht viel, aber ausreichend, erklärt er.
Mohammeds Frau ist Hausfrau, der ältere Sohn Alaa wohnte in Aleppo und arbeitete dort als Lehrer für Geschichte, Geografie, Philosophie und Englisch. Er hat Soziologie und Politik studiert.
Der jüngere Sohn, Walaa, hat nach der Highschool bei seinem Cousin gearbeitet, der ein Busunternehmen zwischen Damaskus und Aleppo betreibt. Walaa war verantwortlich für das Büro in Aleppo, für die Reservierung und die Einnahmen. 2009 entschied er sich, noch etwas für seine Ausbildung zu tun, und begann ein Jura-Studium in Aleppo.

Während des Krieges
Als der Krieg dann 2011 ausbrach, „hat das Leben angehalten und es begann eine große Pause“, erzählt die Familie. Zunächst hatten sie gehofft, dass es schnell wieder normal werde, aber die Verzweiflung wurde von Monat zu Monat größer.
Als 2012 der IS die Region übernah, sind die beiden Söhne zur Tante in das Umland von Damaskus gezogen. Die Tante hat die beiden Neffen kostenlos mit durchgefüttert. Auch dort hatten sie aber ständig Angst, entweder vom IS oder von den Regierungstruppen Assads bei Luftangriffen getroffen zu werden. Außer in Damaskus, wo eine funktionierende Raketen- und Luftabwehr existiert, gibt es keinen Ort, der nicht irgendwann von Kampfhandlungen betroffen ist.

Der Vater ging mit Frau, Tochter sowie Abdul Hamid nach Ägypten, wo Verwandtschaft lebte. Tochter Raghda hat in Ägypten gearbeitet als „Makeup-Artistin“, um das Geld für ihr Psychologie-Studium zu verdienen.

Die Zahlen, die sie über den Krieg und seine Folgen in Syrien kennen, weichen stark von den veröffentlichten Zahlen ab; die Zahlen sind nicht überprüft (oder überprüfbar), geben also lediglich die subjektive Sicht der Flüchtlinge auf Syrien wieder, was sie folgendermaßen zusammenfassen: „Syrien ist kaputt und wird sehr, sehr lange nicht wieder bewohnbar sein.“
Syrien hatte vor dem Krieg 23,5 Mio. Einwohner, ungefähr so viel wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen (das stimmt). Jetzt schätzen sie diese Zahl auf ca. 13 Mio. (offiziell 16 Mio.). Nach ihrer Schätzung ist ca. 1 Mio. getötet (offiziell 300.000), 1 Mio. ist im Gefängnis (keine offizielle Zahl), 2,5 Mio. sind im Libanon, davon 1 Mio. illegal ohne Papiere, 1,5 Mio. in Jordanien, 3 Mio. in der Türkei und 1 Mio. in Europa, Ägypten und im Irak.

Die Familie ist sich ziemlich sicher, dass in absehbarer Zukunft der Krieg in Syrien nicht beendet sein wird. Beide Seiten – der IS und Assad – werden nicht aufgeben und hinter dem IS stehen starke Kräfte, die ihn immer weiter unterstützen werden. Zudem gibt es auch noch andere Kräfte in diesem Krieg sowie Großmächte mit ihren eigenen Interessen.

Die Flucht
Raghda ist als Erste aus Ägypten nach Deutschland geflohen. Sie vertraute sich Schleppern an, die versprachen, mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen Mitte Juni 2015 von Ägypten nach Italien zu fahren. Als sie dann an dem Abfahrtsort ankam, stellte sich heraus, dass auf dem hölzernen „Schiff“ von acht Meter Länge und zwei „Stockwerken“ 250 (!) Flüchtlinge, vorwiegend Familien, transportiert werden sollten. Mit Waffengewalt wurden alle gezwungen, das Boot zu besteigen. Auf der 10-tägigen Fahrt über das Mittelmeer war Raghda 6 Tage seekrank und es gab weder zu essen noch zu trinken. Am Anfang hatte sie noch Albträume, inzwischen hat sie es „verdrängt“.

2015, als die beiden Söhne zum Militär einberufen werden sollten, wurde relativ schnell der Entschluss gefasst, gemeinsam mit der Familie nach Europa zu fliehen. Aufgrund der schlechten Erfahrung von Raghda haben sie sich entschlossen, die Balkanroute nach Deutschland zu wählen. Mit beeinflusst wurde dieser Plan durch die Tatsache, dass Alaa seine Verlobte, eine in Deutschland aufgewachsene Araberin, vor drei Jahren im Libanon kennengelernt und sich damals schon entschlossen hatte, zu ihr nach Deutschland zu gehen.

Die Flucht der Familie verlief 2015 relativ unspektakulär mit den üblichen Schwierigkeiten. Von der Türkei ging es mit Schleppern nach Griechenland und dann über die Balkanroute nach Stuttgart. Hier hatte die Familie zunächst eine Wohnung in Botnang. Weil diese abgerissen wurde, sind sie nun in der Degerlocher Unterkunft. Der Sohn Abdul Hamid blieb in Österreich, weil es ihm dort gefiel.

Heute
Alaa arbeitet für die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) als Berater und wird wegen seiner ausgezeichneten Englischkenntnisse oft als Dolmetscher eingesetzt. An drei Tagen pro Woche hat er für jeweils vier Stunden Deutschunterricht. Doch Deutsch „ist eine sehr schwere Sprache“, sagt Alaa. Er hofft, dass er irgendwann wieder als Lehrer arbeiten und mit seiner Verlobten, die in Freiburg lebt und studiert, eine Familie gründen kann.

Walaa geht ebenfalls zum Deutschunterricht, weiß aber noch nicht so genau, wohin es für ihn gehen soll. Er hat eine arabische Frau und ein kleines Baby.  Am dringendsten sucht er eine Wohnung, weil in der Flüchtlingsunterkunft so gut wie keine Privatsphäre herrscht; dünne Türen, man versteht jedes  Wort, das im Nachbarzimmer gesprochen wird. Auch er hat Deutschunterricht, den er pünktlich wahrnimmt.

Raghda hat das Glück, eine Ein-Zimmer-Wohnung in Degerloch gefunden zu haben. Bis jetzt besucht sie nur den Deutschunterricht (und weil sie am besten von allen Deutsch spricht, muss sie ständig übersetzen) und verbringt ihre Zeit bei der Familie in der Unterkunft. Sie will aber wieder arbeiten und studieren; sie meint, sie hätte alle nötigen Papiere, um ihr Psychologie-Studium in Deutschland weiterführen zu können. Was genau sie arbeiten will (wieder Makeup-Artistin?) und wo sie Psychologie studieren kann bzw. will, weiß sie aber noch nicht.

Was finden sie in Deutschland gut und was nicht? Gut finden sie eigentlich alles – bis auf zwei Tatsachen und die kommen ganz zum Schluss. Als Wichtigstes: In Deutschland hat die Regierung das Land unter Kontrolle und das Gesetz steht über allem – in Syrien gibt es 3 Millionen Leute, für die das Gesetz nicht gilt. Außerdem begegnen die Deutschen den Flüchtlingen mit Respekt und sind nett; es gibt aber Ausnahmen, das wären aber immer Ausländer gewesen, keine Deutschen. Alles ist sauber, du selbst auch, das Wetter ist gut, selbst wenn es im Winter sehr kalt war. Die vielen Bäume und das viele Grün sind sehr schön. Zwei Beanstandungen: Die Züge seien nicht pünktlich und die Unternehmen unfair und versuchten ständig, die Flüchtlinge abzuzocken: Telefon- und Internet-Anbieter verlangen Wucherpreise und versuchen, die Flüchtlinge übers Ohr zu hauen.

Raghda vermisst am meisten, dass sie keine deutsche Freundin hat, von der sie die Sprache noch schneller lernen könnte. Ob sie gerne einen Freund hätte? Ganz klar: nein, auf keinen Fall.

Beiden Brüdern ist klar, dass ihre Zukunft höchstwahrscheinlich auf Dauer in Deutschland liegen wird. Umso mehr erstaunt es, dass bei ihnen das Deutschlernen nicht noch höhere Priorität hat. Außer direkt im Unterricht verwenden sie keine Zeit auf z. B. Vokabellernen. Vielleicht liegt es daran, so sagen die beiden übereinstimmend, dass im arabischen Bewusstsein das Prinzip des „Inschallah“ das Leben bestimmt, was bedeutet: „Allah wird es schon richten.“ Und vielleicht weiß Raghda auch deshalb noch nicht, was sie arbeiten will und wo genau man hier Psychologie studieren kann.